Totengedenken am Deutschmeisterplatz

Deutschmeisterdenkmal, Wien Bildcredit: Kurt Frühwirt
Deutschmeisterdenkmal, Wien Bildcredit: Kurt Frühwirt

Nach dem oftmals noch goldenen Oktober und den Feiern zu unserem Nationalfeiertag am 26. Oktober zieht der November mit seinen kürzer werdenden Tagen und seinen häufigen Nebelschwaden in's Land. Traditionell gedenken wir am ersten und zweiten November jedes Jahres der Menschen, die diese Welt schon vor uns verlassen haben und die wir geschätzt und geliebt haben. Die Milizsoldaten des Jägerbataillons Wien 1 "Hoch- und Deutschmeister" gedachten wie jedes Jahr auch heuer - und zwar am dritten November der toten Kameraden in der nunmehr über drei Jahrhunderte währenden Geschichte der Deutschmeisterverbände. Traditionell findet dieses Gedenken am Deutschmeisterplatz beim Deutschmeister - Denkmal statt. 

 

Das Deutschmeister - Denkmal am Deutschmeisterplatz ist das erste große Denkmal unserer Kaiserzeit, das nicht nur einer einzelnen Persönlichkeit gewidmet wurde, sondern mit dem ein ganzes Regiment geehrt wurde - nämlich das Niederösterreichische Infanterieregiment "Hoch- und Deutschmeister" Nr. 4 - wie der damalige hochoffizielle Name lautete. Anläßlich des zweihundertjährigen Bestandsjubiläums des kaiserlichen und königlichen Infanterieregimentes "Hoch- und Deutschmeister" Nr. 4 - so der wohl auch damals viel eher verwendete Regimentsname - beschloß der Wiener Gemeinderat die Errichtung des Deutschmeister - Denkmals und stellte dafür 20.000 Kronen zur Verfügung. Nach der Grundsteinlegung am 7. September 1896 wurde in den folgenden Jahren ein Wettbewerb zur Gestaltung des Denkmals ausgeschrieben und eine sogenannte Deutschmeister - Denkmal - Lotterie veranstaltet, um die benötigten Finanzmittel aufzutreiben. Ein eigens konstituiertes Denkmalkomitee lehnte jedoch die vom Preisgericht erstgereihten Entwürfe ab und wählte in der Sitzung vom 19. Oktober 1903 den Entwurf Nummer 9 des Bildhauers Johannes Benk mit dem Namen "Mit Gott für Kaiser und Vaterland" aus. Der Kostenvoranschlag für das Denkmal lautete auf stattliche 192.860 Kronen ohne Fundament. Nach etwa dreijähriger Bauzeit wurde das Deutschmeister - Denkmal am 29. September 1906 feierlich enthüllt.

 

Das Deutschmeister - Denkmal ist aber nicht nur ein Monument, das mit seiner Vorderseite zur Wiener Ringstraße zeigt - nein, das Deutschmeister - Denkmal erzählt auch Regimentsgeschichte des wohl bei weitem bekanntesten Wiener Hausregimentes unserer Kaiserzeit! "Die Wiener ihren Deutschmeistern" - diese Inschrift befindet sich über der Statue der Vindobona, die sich auf den Wappenschild stützt und den Lorbeerkranz dem Fahnenträger nach oben reicht. Gleich darunter wird die Feuertaufe des Regiments in den Türkenkriegen dargestellt. Die "Teutschmeister" wurden am 3. Juni 1696 in den kaiserlichen Dienst übernommen und erlebten am 11. September 1697 bei Zenta ihre Feuertaufe in einer großen Schlacht. Dabei zeichneten sie sich so aus, daß der Kaiser nach dem Bericht des Feldherrn Prinz Eugen ein Dankschreiben an den Regimentskommandeur schickte! An der Rückseite des Deutschmeister - Denkmales wird mit dem Relief "Graf Soro bei Kolin" des Einsatzes des Regimentes im Siebenjährigen Krieg gedacht. Im Siebenjährigen Krieg gegen Preußen nahm das Regiment mit Bravour an der Schlacht bei Kolin am 18. Juni 1757 teil, wovon sich der bis heute begangene Traditionstag ableitet. Nach dem Siebenjährigen Krieg wurde dem Regiment der Wienerwald und die Wiener Vorstädte zur Werbung zugewiesen und es erhielt im Jahre 1769 die Nummer 4.

 

Zwei Darstellungen aus den Napoleonischen Befreiungskriegen stellen Heldenmut und Waffenbrüderschaft von Soldaten des Regiments dar. Auf der von vorne gesehen linken Seite des Denkmals befindet sich der Grenadier von Landshut, der sich im Jahr 1809 mit seinem Pulverkarren in die Luft sprengt, um eine übermächtige Reiterabteilung von seinen Kameraden abzuwehren. Auf der von vorne gesehen rechten Seite sehen wir, wie Feldwebel Fuchsgruber seinen verwundeten Leutnant Baron Synoth aus der Feindesmitte rettet - eine Episode aus der Schlacht von Valeggio im Jahr 1814. Auf beiden Seiten des Deutschmeister - Denkmals finden sich die mit dem Ortsnamen und der Jahreszahl bezeichneten bedeutendsten Schlachten des Regiments. Die Hauptfigur oben auf dem Obelisken stellt einen vorwärtsstürmenden Fähnrich in der Uniform etwa des Jahres 1900 dar, der die Regimentsfahne mit der linken Hand schwingt und mit dem gezückten Säbel in der rechten Hand auch jederzeit bereit ist, die Regimentsfahne zu verteidigen!

 

Über dem Relief der Schlacht von Kolin auf der Rückseite des Deutschmeister - Denkmals befindet sich der Kaiseradler mit erbeuteten Trophäen in seinen Fängen. Darunter in der Mitte prangt das Wappen der "Hoch- und Deutschmeister" - links davon das Portrait des ersten Regimentsinhabers, Herzog Franz Ludwig von der Pfalz-Neuburg - rechts davon das Portrait des Regimentsinhabers zum Zeitpunkt der Enthüllung des Denkmals und auch gleichzeitig letzten Regimentsinhabers Erzherzog Eugen. Mit der Inschrift 1696 - 1896 wird auf das zweihundertjährige Bestandsjubiläum des Regiments hingewiesen. Das große Backsteingebäude hinter dem Denkmal ist die Roßauerkaserne, von der ursprünglich vierzehn Stufen zum Deutschmeister - Denkmal hinaufführten. Bemerkenswert sind auch die Steintafeln auf beiden Seiten dieses Aufganges, der heute nur mehr eine Grasrampe ist. Auf der von vorne gesehen rechten Tafel findet man auf einer Seite die Namen aller Regimentsinhaber seit 1697 - die andere Seite trägt die Namen der "Besten der Besten" - damit sind besonders tapfere "Deutschmeister" gemeint! Die linke Tafel zeigt uns die Inschrift: "Das Infanterieregiment "Hoch- und Deutschmeister" Nr. 4 hat während seines 200 Jahr Bestandes 206 Schlachten und Gefechte mit einem Gesamtverlust von 407 Offizieren und 20.000 Mann mitgemacht." Hier sind auch noch weitere 45 Schlachten zwischen 1697 und 1866 angeführt. Auf der Rückseite dieser Tafel sind die Namen der Mitglieder des Denkmalkomitees, der mitwirkenden Künstler und von beteiligten Geschäftsleuten eingraviert. Am 15. Oktober 1931 wurde der auf den Stufen zum Denkmal liegende Lorbeerkranz aus Bronze hinzugefügt. Dieser Kranz ist dem Gedenken an die rund 5.000 im Ersten Weltkrieg Gefallenen oder an Kriegsgreueln Verstorbenen des kaiserlichen und königlichen Infanterieregimentes "Hoch- und Deutschmeister" Nr. 4 gewidmet.  

Genauso traditionsreich wie die nunmehr über drei Jahrhunderte währende Geschichte der Verbände mit dem "Hoch- und Deutschmeister" im Namen ist auch das alljährliche Totengedenken am Deutschmeister - Denkmal. Als erstes marschieren das Deutschmeister - Schützenkorps in seinen Uniformen des Jahres 1910 und die Hoch- und Deutschmeister 1809 Füsilier- und Grenadiertraditionscompagnie ein und nehmen vor dem Deutschmeister - Denkmal Aufstellung. Das Bild dieser gemischten Formation mit der bunt gestalteten Straßenbahn im Hintergrund zeigt uns an dieser Stelle, wie sehr oft der Zufall unser Leben mitgestaltet! Auch der Traditionsverein der Reitenden Artilleriedivision Nr. 2 - in unserer Kaiserzeit gleichfalls ein Wiener Hausregiment - ist mit seinem Salutgeschütz mit dabei. Gleichfalls traditionell übernimmt ein Quartett der Original Hoch- und Deutschmeister Kapelle die musikalische Begleitung des Totengedenkens. 

 

Eine Abordnung des Jägerbataillons Wien 1 "Hoch- und Deutschmeister" und die Ehrengäste sind pünktlich zum Festakt gekommen und haben den Einmarsch mitverfolgt. Unter ihnen ist auch wie jedes Jahr Brigadier in Ruhe Josef Herzog, der als Kommandant des Landwehrstammregimentes 21 "Hoch- und Deutschmeister" im Jahre 1984 die schon lange bestehenden Deutschmeistervereine zum gemeinsamen Wirken im Deutschmeisterbund zusammenführt hat. Mit dem Einmarsch des Fahnentrupps des Jägerbataillons Wien 1 "Hoch- und Deutschmeister" und der Meldung an den Kommandanten des Jägerbataillons Wien 1 "Hoch- und Deutschmeister" Oberstleutnant Michael Blaha wird der Festakt eingeleitet. Oberstleutnant Blaha nimmt in einer kurzen Ansprache zur Lage des österreichischen Soldaten im November 2012 pointiert Stellung. Nach den besinnlich stimmenden Worten des Militärgeistlichen erfolgt das Niederlegen der Kränze am Fuße des Deutschmeister - Denkmals durch die Kranzträger des Jägerbataillons Wien 1 "Hoch- und Deutschmeister".

 

Mit der darauf folgenden Ehrenbezeugung der zum Totengedenken angetretenen Formationen wird auch das Andenken an die Soldaten gepflegt, die in der Zeit der ausgelöschten Eigenstaatlichkeit Österreichs in den Jahren von 1938 bis 1945 ihr Leben verloren haben. Zur Traditionsfolge der "Hoch- und Deutschmeister" wird nämlich auch die 44. Infanterie - Division gezählt, die 1938 aus der ersten, zweiten und dritten Division des Bundesheeres der Ersten Republik bei dessen Eingliederung in die Deutsche Wehrmacht gebildet wurde. Nach der Teilnahme am Polenfeldzug und Frankreichfeldzug führte der Weg der 44. Infanterie - Division als Teil der 6. Armee in den Kessel nach Stalingrad. Ende Januar 1943 gingen die Reste der Division in sowjetische Kriegsgefangenschaft, aus der nicht mehr als 100 Angehörige der Division zurückkehrten. Im Rahmen der Neuaufstellung als 44. Reichsgrenadier - Division erhielt die Division den Beinamen "Hoch- und Deutschmeister". In der ersten Hälfte des Jahres 1944 erlitt die Division in den Schlachten um Cassino erneut schwerste Verluste, so daß sie zur Auffrischung nach Ungarn verlegt wurde. Im Rahmen der "Wiener Operation" der Roten Armee wird die 44. Reichsgrenadier - Division "Hoch- und Deutschmeister" auf  heimatliches Gebiet zurückgedrängt, wo dann der Großteil der Division in amerikanische Kriegsgefangenschaft ging. Diese Geschichtsepoche wird durch die "Kameradschaft der Angehörigen der zweiten Division des ehemaligen Österreichischen Bundesheeres sowie der ehemaligen 44. Infanterie - Division später Reichsgrenadier - Division "Hoch- und Deutschmeister" " - so der ganze offizielle Name - auch im Deutschmeisterbund vertreten. Mit dem traditionellen Salut des Deutschmeister - Schützenkorps, der Hoch- und Deutschmeister 1809 Füsilier- und Grenadiertraditionscompagnie und der Reitenden Artilleriedivision Nr. 2 wird den zehntausenden Toten, über die sich der historische Bogen des Deutschmeister - Denkmals spannt, die Ehre erwiesen.

 

Zum Abschluß des Festaktes wird "Das Ganze" - wie die Ehrenformationen in der Kommandosprache angesprochen werden - bei Oberstleutnant Blaha abgemeldet. Traditionell beschließt das Quartett der Original Hoch- und Deutschmeister Kapelle mit dem "Deutschmeister Regimentsmarsch" das Totengedenken am Deutschmeister - Denkmal. Der "Deutschmeister Regimentsmarsch" - im Jahre 1893 von Wilhelm August Jurek komponiert und dem Regiment gewidmet - ist auch heute noch untrennbar mit dem "Hoch- und Deutschmeistern" verbunden. Mit Ehrenbezeugung durch die Ehrengäste und die angetretenen Formationen marschiert der Fahnentrupp des Jägerbataillons Wien 1 "Hoch- und Deutschmeister" aus und das stimmungsvolle Totengedenken des Jahres 2012 am Deutschmeister - Denkmal geht zu Ende.       

Was sagt uns Soldaten des Österreichischen Bundesheeres im Jahr 2012 das Totengedenken am Deutschmeisterplatz? Ich meine, die nunmehr über drei Jahrhunderte währende Geschichte der Verbände mit dem "Hoch- und Deutschmeister" im Namen lehrt uns zunächst einmal ein gehöriges Maß an Dankbarkeit, daß wir heute in Frieden und Wohlstand leben. Diese Geschichte lehrt uns aber auch, daß der Friede stets auf's Neue gewonnen werden muß - und zwar nicht nur durch den Willen zum Frieden sondern auch durch den Willen, Friedensstörer mit geeigneten Mitteln abzuwehren. Diese geeigneten Mittel werden nur durch einen Plan gebildet, der eine ausreichende Anzahl an Einsatzmitteln mit einer ausreichenden Anzahl an Soldaten zu einem koordinierten Zusammenwirken bringt, das es dem Österreichischen Bundesheer ermöglicht, Schutz und Hilfe sicher zu stellen! An diesem Tag sei es auch jedem Soldaten an's Herz gelegt, sich mit der Militärgeschichte seines Landes zu beschäftigen - denn dann weiß man, woher man kommt und was Soldat sein heißt - nämlich das Feuer weiterzugeben und nicht die Asche! 

 

Und so schließe ich mit dem alten Wahlspruch -

"Deutschmeister ist und bleibt man!"

Ein journalistischer Beitrag von unserem Vereinsmitglied Anton Czech